Ein Sonntag
im Mai am Ökologischen Bildungszentrum. Genau genommen der 11. Mai 2025,
Muttertagssonntag. Zwanzig Menschen knien auf dem Boden, schaufeln Sand. Junge
Stauden mit Wurzelballen warten darauf, dass sie eingepflanzt werden. Im
Mittelpunkt der Mitmachaktion stehen heimische, mehrjährige Wildpflanzen.
Arten, die Trockenheit vertragen und mit wenig Nährstoffen auskommen. Das
Schaubeet, das hier entsteht, will gleich zwei Dinge demonstrieren. Erstens,
wie in der Stadt die Biodiversität erhöht werden kann und Insekten ein langes
Blühangebot bekommen. Und zweitens, dass man im Garten auch mit hiesigen Wildpflanzen
ein attraktives Pflanzbild gestalten kann.
Lernen im
gemeinsamen Prozess
Der Anfang
der Planungen liegt Monate zurück. Bereits im September 2024 treffen sich am
ÖBZ engagierte Gärtnerinnen, Wissenschaftlerinnen und Naturschutzaktive
zu einem sogenannten „BioDivHub-Workshop". Die Ausgangsidee: ein Beet nach dem
Prinzip des „Conservation Gardening", das meint, gefährdete heimische Arten
gezielt auch im Siedlungsraum anzupflanzen, um ihrem Rückgang etwas entgegenzusetzen.
Was zunächst
bestechend klingt, wird schnell komplex. Denn Artenschutz ist nicht nur eine
Frage des Was, sondern auch des Woher. Pflanzen derselben Art unterscheiden
sich genetisch je nach Region. Wer etwa eine norddeutsche Glockenblume in
Oberbayern pflanzt, riskiert genetische Vermischung – ein Problem, das in der
Naturschutzpraxis unter dem Stichwort Florenverfälschung diskutiert wird.
Besonders geschützte Arten sollten deshalb nur in unmittelbarer Nähe ihrer
Herkunft wiederangesiedelt werden. Und die Pflanzen, die wiederangesiedelt
werden, sollen aus Saatgut angezogen sein, das von Pflanzen aus der
betreffenden Region stammt. Das heißt dann „autochthones Saatgut".
Die
Konsequenz für das Projekt am ÖBZ: ein bewusster Schritt weg von streng
geschützten Raritäten. Im weiteren Planungsverlauf rückten daher solche Arten
in den Mittelpunkt, die zwar seltener werden, aber in der Region tatsächlich
vorkommen. Auch gängige Wildarten wie der gemeine Dost fanden Einzug in das Beet.
Solche Arten sind zwar nicht bedroht, aber trotzdem wertvoll für Insekten. Ein
besonderes Augenmerk lag auf der standortgerechten Auswahl der Pflanzen: Sie
müssen sich alle wohl fühlen in voller Sonne und auf nährstoffarmem,
kalkreichem Boden.
Ästhetik
und Ökologie greifen ineinander
Bevor es an
die praktische Umsetzung ging, wurden die Pflanzpläne des Schaubeets von
Expert*innen geprüft und finalisiert. Die verwendeten Pflanzen stammen aus
spezialisierten Wildstaudengärtnereien und zu einem großen Teil aus der
Gärtnerei im Pasinger Magdalenenpark, in der Ehrenamtliche des Bund
Naturschutzes autochthone Pflanzen heranziehen. Am Ende stehen 22 Arten auf der
Liste, sortiert nach ihrer Funktion im Beet: Leitstauden geben Struktur und
Höhe, Begleitstauden setzen farbige Akzente, Füllstauden schließen Lücken und
sorgen dafür, dass der Boden bedeckt bleibt. Farbe und Gestalt der
Pflanzauswahl sind dabei kein Selbstzweck, sondern Teil eines funktionierenden
Ganzen, bei dem Ästhetik und Ökologie ineinandergreifen.
Die Pflanzen
wurden in eine Schicht aus durchlässigem, sandigem Boden gesetzt. Zunächst
wurde ein Pflanzloch gegraben, bis der lehmige Untergrund erreicht war. Dann
füllte man etwas Komposterde als Starthilfe hinein und wässerte gründlich. Um
das Aufkommen von Beikraut zu unterdrücken, wurde die obere Erdschicht von den
Jungpflanzen abgestreift. Anschließend wurden die Jungpflanzen eingesetzt und
ihr Wurzelballen mit Sand abgedeckt.
Rewilding in
der Stadt?
„Rewilding"
klingt zunächst nach Wölfen, Wisenten und unberührter Wildnis. In der Stadt
bekommt der Begriff eine andere Bedeutung. Der Kerngedanke: Natürliche
Gegebenheiten und Bedürfnisse zu berücksichtigen und dadurch möglichst
langfristig stabile Lebensräume und funktionierende Ökosysteme zu fördern. Im
kleinen Maßstab geht das auch in der Stadt. In unserem Fall geht es um
Pflanzen, die hierhergehören, und um Insekten, die auf genau diese Pflanzen
spezialisiert sind. Gerade Insekten, die größte Tiergruppe der Erde,
profitieren von urbanen Rückzugsräumen. Studien zeigen: Weil hier weniger
Pestizide eingesetzt werden, können Städte für viele Arten sogar bessere
Lebensbedingungen bieten als intensiv genutztes Agrarland.
In diesem
Sinne dient das neue Schaubeet am ÖBZ als anschauliches Beispiel für eine
naturnahe und insektenfreundliche Gartengestaltung. Bereits in der ersten
Saison konnte man beobachten, wie sich eine lebendige, artenreiche und für
Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge attraktive Blühfläche entfaltet.
Eine inspirierende Einladung an alle, die ihren Garten in ein kleines Stück
Wildnis verwandeln möchten.
(Dieser Text erschien im Frühjahr 2026 im muz11, dem Magazin des Münchner Umwelt-Zentrums)